Die Fahrt ins Südtirol vom 6.-12. September 2009. Ein Rückblick.
Sonntag: Landquart: Um Mittag ist alles Gepäck im Bus verstaut, und es kann losgehen. Wir freuen uns am vielversprechenden blauen Himmel und darüber, dass wir der einst so riskanten Alpenüberquerung in einem bequemen und von Rudi sicher gefahrenen Reisebus entspannt entgegensehen dürfen.
Der Weg führt uns an der höchstgelegenen Stadt Europas, Davos, vorbei zum Flüelapass, wo wir freundlich aufgenommen werden und uns mit Prättigauer Knödli stärken. Hinunter geht’s nach Susch im Unterengadin, dann ist noch der Ofenpass zu bewältigen. Herr Fasser, in der uralten Chasa Chalavaina in Müstair, begrüsst uns mit „Allegra“ und teilt jedem das für ihn massgeschneiderte Zimmer zu. Das über 1200 Jahre alte Kloster St. Johann, entstanden unter der Schirmherrschaft Karls des Grossen, ist ein Kraftort ersten Ranges und Unesco-Weltkulturerbe und strahlt wohltuende Schönheit, Harmonie und Ruhe aus. Ein köstliches Abendessen mit Lagreiner in der gemütlichen Lärchenstube wird uns vom Hausherrn und seiner Schwester persönlich serviert.
Montag: Auch am Morgen bedient uns Herr Fasser, misst uns Kaffee, Milch, auch Tee zu, es gibt einheimischen Käse und gutes Brot. - In den Malereien der kleinen Kirche St. Benedikt in Mals (8. Jh.) zeigen sich uns die geistliche und die weltliche Macht im Einklang – verkörpert durch zwei eindrückliche Stifterfiguren. Mals war Jahrhunderte lang Sitz des geistlichen Gerichts und Umspannstation, daher seine Bedeutung, die sich auch an seinen fünf Kirchen zeigt. Kloster Marienberg thront im Hintergrund als Himmelsburg über dem Vinschgau, durch das wir talabwärts fahren. Die römische Via Claudia Augusta aus dem 1. Jahrhundert, die den direkten Weg zwischen Italien und Augsburg bildete, wurde zu einem langen Veloweg ausgebaut, der sehr verlockend aussieht.
Am Rande des Dorfes Naturns erwartet uns in den fruchtbaren Obstgärten das alte Eigenkirchlein St. Proculus mit seinen gut aufgelegten Kühen, dem Heiligen im Körbchen und mächtigen, fast abstrakt gestalteten Engelsfiguren. Wie ein Leitmotiv erscheint auch hier wieder als oberer Abschluss der Malereien das perspektivische Mäanderband, das uns schon in Müstair und Mals begegnet ist. (8. Jh.).
Eine besondere Überraschung bietet Reinhold Messners Burg Juval, die er mit Kunstgegenständen aus dem Himalaya und anderen Weltgegenden aufs Exotischste ausgestattet hat und von welcher aus ein fantastischer Rundblick in die von Apfelplantagen und Weinbergen bestandene Etschtalebene geht.
Vergnügt erreichen wir gegen Abend das freundliche Hotel Mondschein in Bozen.
Dienstag: Heute lernen wir ausgiebig das Zentrum der um 1200 durch den Trentiner Bischof gegründeten Handelsstadt Bozen kennen, die acht Bozener Seligkeiten inklusive. Ganz systematisch wurde die Stadt eingeteilt mit einer Laubengasse in der Mitte, von welcher lange schmale Grundstück für 100 Kaufleute abgingen. So bekamen die Häuser jeweils zwei Innenhöfe und tiefe Keller – für die Waren und den Wein. – Der Kreuzgang der Franziskanerkirche mit seinem asymmetrischen Gewölbe ist von besonderem Charme, und die frisch restaurierte Dominikanerkirche wartet in ihrer Johanneskapelle mit grossartigen Wandmalereien aus der Giottonachfolge auf, gestiftet im 14. Jahrhundert von der mächtigen Florentiner Bankiersfamilie Boccione, hier genannt Botsch.
Am Nachmittag begibt sich eine Gruppe mutiger Schwarzfahrer zum alten Ort Bozen-Gries mit der von Martin Knoller barock illusionistisch ausgemalten Abteikirche Muri-Gries (Weinhandel inklusive), wo das Jesuskind seiner Mutter die Wolle winden hilft. In der idyllisch zwischen Friedhof und Weinbergen gelegenen Pfarrkirche daneben bewundern wir ausgiebig den kostbaren Schnitzaltar des Michael Pacher von 1475 und das eindrückliche Hepperger Kreuz aus der Zeit um 1200.
Mittwoch: Heute lernen wir nach einem wunderschönen Spaziergang durch die Weinberge das fabelhaft gestaltete Landesmuseum Schloss Tirol kennen mit seinen originellen romanisch-lombardischen Portalen für Rittersaal und Kapelle aus der Frühzeit (um 1130) und dem rekonstruierten Bergfried, dem „Turm der Geschichte“. In einer Führung erfahren wir vieles vom Schicksal Südtirols und wie es dazu kam, dass sich staatliche Willkür über dessen Bewohner viele Jahrzehnte lang systematisch hinwegsetzen konnte.
Der Sandgruberhof ist die ideale Jausenstation, wo so tüchtig mit Vorurteilen über den Kaiserschmarrn aufgeräumt wird, dass manchen davon noch lange die Ohren wackeln.
Dann geht’s über Meran zur Gastwirtschaft Tanne, wo wir den ehemaligen Südtiroler Autonomiekämpfer Sepp Innerhofer treffen, der uns von den dramatischen Zeiten der Wiedergewinnung der Südtiroler Autonomie mit dem Höhepunkt der Feuernacht 1961 berichtet. Kaum zu fassen die dirigistischen und willkürlichen Massnahmen der italienischen Regierung den deutschsprachigen Südtirolern gegenüber - und das im 20. Jh. Wir spazieren zu den paradiesischen Gärten von Schloss Trauttmansdorff, in dessen alten Mauern, die einst auch Kaiserin Sissi beherbergt hatten, das originelle „Touriseum“ eingerichtet worden ist. Die Gärten sind eine Quelle der Wonne: malerische Spazierwege, künstlerische Installationen, Rosengärten, Brunnen, Teiche mit Lotusblüten und Duftalleen ziehen uns in ihren Bann; nur schwer kann man sich zum Zurückgehen entschliessen.

Donnerstag: Heute steht eine Fahrt ins italienischsprachige Trento im Altoadige auf dem Programm. Das Wetter ist wieder prächtig. Das weit sich öffnende Etschtal mit seinen dramatischen Felshängen, die sich hintereinander stufen, ist ein besonderes Landschaftserlebnis. An der Salurner Klause überqueren wir die Sprachgrenze.
Trento ist eine Stadt, in welcher Norden und Süden sich begegnen und durchdringen. Norditalienische Steinpalazzi treffen auf Tiroler Architektur mit Lauben und Holzerkern dort, wo einmal „i Todeschi“ wohnten.
Der mächtige Renaissance-Bischof und Stadtherr Bernhard von Cles baute um 1530 das Castel del Buonconsiglio zu einem wehrhaften Hort der Macht und der Kunst aus. Sein monumentales Wappen lässt keine Zweifel, wer hier der Bauherr war. Wir folgen dem Prozessionsweg des Trentiner Konzils (1545-1563), der uns schliesslich auf der Via Triumphalis zum Dom führt, gesäumt von reich bemalten, schön restaurierten Renaissance-Palazzi wie dem Palazzo Geremia.
Der romanische Dom wartet nicht nur mit einem Glücksrad – wie das Basler Münster – auf, seine Chorpartie erweist sich mit ihren Apsiden und geknoteten Doppelsäulen aus rosa schimmerndem Stein als bewundernswertes Beispiel lombardischer Baukunst. Im Untergrund darunter und daneben finden sich Frühchristliches und ansehnliche Reste des Stadttors des römischen Municipium, der Porta Veronese.
Heimwärts auf der Weinstrasse durchs Überetsch – die Gegend von Tramin und Kaltern – öffnet sich uns die Türe des Friedhofkirchleins St. Valentin von Tramin, dessen Wandmalereien fast vollständig erhalten sind. Überaus qualitätvolle Fresken im weichen Stil (um 1420) zeigen neben einem Passionszyklus bezaubernde Szenen und Figuren aus dem Leben der heiligen Ursula – auch eine kleine Kirchenmaus. Mit Blick auf den Kalterer See ist uns auf der Terrasse von Castel Ringberg ein köstlicher Apéro beschieden.
Freitag: Mit der brandneuen Seilbahn fahren wir hoch nach Oberbozen und von dort mit einem Appenzellerbähnchen nach Klobenstein auf dem Ritten. Rose übernimmt als Pfadfinderin die Leitung der kleinen Wanderung, die uns zuerst zur Deutschordenskommende Lengmoos an der alten Kaiserstrasse führt. Spitz und dekorativ präsentieren sich die pittoresken Erdpyramiden vor dem prächtigen Tal- und Dolomitenpanorama. Im Pfooshof gibt es köstliche mit Spinat gefüllte Ravioli, die „Schlutzkrapfen“. Das zum Abschluss folgende Himbeerdessert dürfte nur schwer seinesgleichen finden! Alte bäuerliche Anwesen mit von Hand gefertigten Zäunen säumen den Rückweg.
Samstag: Schon bricht der letzte Tag unserer Fahrt an. Es geht fast gedankenschnell an Meran vorbei, das Vinschgau hoch - wir grüssen manche lieben Orte und Ausblicke… Ein Halt bei der Churburg gewährt Aufschub. Auf dem alten Familiensitz der Grafen von Trapp bewundern wir die Renaissanceloggia mit kunstreich geformten Säulen aus Laaser Marmor. Das ganze Gewölbe ist bemalt mit dem Stammbaum der Matscher Vögte des Bischofs von Chur (dem sie die Burg abspenstig machten) und ihrer Nachfahren. Besonderen Spass machen uns die frisch geschlüpften herumtollenden Nachwuchsnärrchen. Ganz eindrucksvoll ist die Persönlichkeit des Jerusalem-Pilgers Jakob von Trapp, in dessen Studiolo wir die kleine Orgel hören, nicht minder die Rüstung des Riesen von 2, 10 m Länge in der historischen Rüstkammer (aus Familienbesitz)!
Unter blauem Himmel wandern wir durch die völlig ummauerte Miniaturstadt Glurns mit ihren wie von Hand modellierten Laubengängen. Sie wurde nach ihrer völligen Zerstörung durch die marodierenden Eidgenossen nach der Calvenschlacht 1499 von Grund auf neu erbaut und hat sich seitdem kaum mehr verändert. Zum letzten Mal geniessen wir Landesspezialitäten im „Grünen Baum“.
Beim Reschener Stausee erfahren wir vom Schicksal der überfluteten Dörfer Graun und Reschen. Aus dem See ragt immer noch der romanische Kirchturm heraus. Wir können die menschlichen Tragödien erahnen, die mit diesem Projekt des Edisonkonzerns zur Energieversorgung – auch der Schweiz! – verbunden waren, das noch auf faschistische Zeit zurückging. Der Impuls, die Menschen im Südtirol ihrer Identität zu berauben, wurde auch nach dem 2. Weltkrieg fortgesetzt und allgemein toleriert.
Der Via Claudia Augusta Richtung Norden weiter folgend biegen wir nach der Überquerung des Reschenpasses bei Martina wieder ins Unterengadin ein, vorbei an Schloss Tarasp und zurück über den Flüela. Gegen Abend sind wir wohlbehalten in Landquart. Der Abschied ist nicht leicht. Aber die vielfältigen Eindrücke und Bilder aus diesen Tagen werden uns gewiss noch eine lange Zeit begleiten und bereichern.
